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Im Brunnen


Abends im Brunnen
von Bademeister, 7.1.2006
 
Es gibt Tage, die sind dermaßen schön, dass ich sie nie vergessen werde. Einer davon war der Samstag am 07.08.99. Gegen 22 Uhr bin ich los, um einen Spaziergang zu machen. Er führte mich in einen Park, in dessen Mitte ein runder Brunnen stand. Dieser hatte einen Durchmesser von rund sieben Metern und war 60 Zentimeter tief. In dessen Mitte befand sich ein großer Findling, der in früheren Jahren tagsüber von einer Fontäne bespritzt wurde. Den ganzen Sommer über war der Brunnen leer, doch jetzt, ich war begeistert, war er voller Wasser.
Ich sah mich um. "Eigenartig, kein Mensch auf der Straße," dachte ich. Das nutzte ich aus und ging mit meinen Shrink-to-fit und Converse Stoff-Turnschuhen die vier Treppenstufen des Brunnens hinunter und setzte mich auf die vorletzte Stufe. Obenrum war ich bekleidet mit einem roten Kaputzen-Sweatshirt, dass ich aufgrund seiner Bauchtasche Skippy, nach dem Busch-Känguruh, nannte. Bis zum Oberrand dieser Tasche saß ich im Wasser, die Knie schauten aus dem Wasser heraus. Ich stellte meine angewinkelten Ellenbogen darauf und begrub mein Kinn und die Wangen in den Handtellern und sah auf den Findling.
Ich saß da so gemütlich, da fing eine Töle hinter mir an zu kläffen, ein schneeweißer Terrier, der aussah wie der Hund aus dem Comic Tim und Struppi.
"Was hat er denn?" fragte ich, als ich mich umdrehte und sein Herrchen sah, ein in die Jahre gekommener Tim. Er stand direkt hinter mir, etwa fünf Meter entfernt auf dem Trockenen, als ob er sich hinter meinen breiten Schultern verstecken wollte. Da er sich nicht bewegte, damit wir besser miteinander reden konnten, wälzte ich mich auf meine Knie und setzte mich auf meine Fersen. Das Wasser ging jetzt bis zur Brust. Sein Gesicht konnte ich nicht sehen, denn hinter ihm stand eine Laterne, die mich blendete, dafür aber um so besser ausleuchtete.
"Er ist hochgradig irritiert," sagte Tim. "Das ist nämlich sein Brunnen!" Und an den Hund gewandt: "Sei doch endlich mal still, Milou."
"Dann muß er wohl mit rein kommen," meinte ich.
Es entstand eine Gesprächspause, in der wir dem Rumgehopse des Hundes schmunzelnd zusahen. Etwas leiser, fast schüchtern, fragte er endlich:
"Wie ist denn das Wasser so?"
Eine verständliche Frage. "Na, 16°," schätzte ich. Er wirkte in dem Moment auf mich, als ob er ernsthaft in Erwägung zog, sich zu mir zu setzten.
"Is' ja nich' besonders," war seine Antwort. Er hatte sich also entschieden, seinen hellen Anzug trocken zu lassen. Milou war noch immer irritiert und konnte es nicht fassen, daß es da jemanden gab, der sich nicht um seine Hundeseele scherte. Der Köter hörte aber aufs Wort und schmiegte sich eng an Herrchens Bein, als dieser ihn rief.
Im Drehbuch würde jetzt stehen: "Ab Hund und Herr". Und so war es auch. Beide verließen die Szene. Struppi drehte sich noch ab und zu mal nach mir um, um böse Mißfallensbekundungen der heiseren Art von sich zu geben.
Ich wandte mich wieder dem Findling zu. Mit einem Male, wie aufs Stichwort, erschienen auf allen Wegen im Park jede Menge Hundchen mit Herrchen, die alle so taten, als würden sie mich nicht sehen. Ich mußte lachen. "Kann mir mal jemand verraten, wie ich auf die Idee kommen konnte, mitten in einer dicht besiedelten Stadt in einem Wohngebiet am Samstag abend um zehn Uhr über einen längeren Zeitraum hinweg keinem Menschen zu begegnen?" fragte ich mich kopfschüttelnd.
Ich bin dann bald nach Hause gegangen, allerdings mit einem Umweg, um noch ein wenig abzutröpfeln, und habe dann sofort in meine Programmzeitschrift gesehen. Der Auftritt der sechsbeinigen Pärchen wurde mir dann auch schlagartig klar. RTL zeigte an diesem Abend "Mein Partner mit der kalten Schnauze". Die Duos schienen sich das gemeinsam angesehen zu haben, und jetzt war es an der Zeit, die Parkwege zu verdrecken.